Tagung „Frankreich in Osnabrück – eine Region in napoleonischer Zeit“ Beachtliche neue Erkenntnisse  
 
Tagung Vom 15. bis 17. September widmeten sich in der gut gefüllten Schlossaula fast hundert Fachleute und interessierte Laien einem ganzen Bündel von Themen rund um die bewegte Zeit, die Osnabrück und die Region unter französischer Herrschaft erlebten. Am Samstag, 17. September, wurde die Tagung einschließlich des hörenswerten Begleitprogramms mit großem Beifall beendet.

Wissenslücken schließen, Fachwelt und Laien zusammenbringen

Wissenschafts- und Kulturminister Björn Thümler, Universitätspräsidentin Prof. Susanne Menzel-Riedl und Landschaftsverband-Vorsitzender Wolfgang Beckermann lobten bereits in ihren Grußworten die Idee zu dieser Tagung, die eine ganze Reihe Wissenslücken schließen wollte. Minister Thümler, Schirmherr des dreitägigen Symposiums, hob besonders hervor, dass im Mittelpunkt der Tagung historische Aspekte im Vordergrund stünden, die bislang nur wenig erforscht seien. Professorin Susanne Menzel-Riedl ergänzte dies um den Hinweis, dass sie es besonders schätze, dass an den Tagungen des Landschaftsverbandes stets Wissenschaft und Laien ins Gespräch kämen. Wolfgang Beckermann dankte zudem herzlich allen Geldgebern, die die Tagung erst möglich gemacht hatten und freute sich über die fächerübergreifende Bandbreite, die die Referentinnen und Referenten vertreten.Tagung "Frankreich in Osnabrück" | Gruppenfoto (c) Hermann Pentermann
Prof. Susanne Menzel-Riedl, Universität Osnabrück, Präsidentin | Erster Stadtrat Wolfgang Beckermann, Landschaftsverband Osnabrücker Land, Vorsitzender | Dr. Susanne Tauss, Landschaftsverband Osnabrücker Land, Geschäftsführerin | BjörnThümler, Niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur | Prof. Siegrid Westphal, Universität Osnabrück, Institut für Kulturgeschichte der frühen Neuzeit | Dr. Ulrich Winzer, Landschaftsverband Osnabrücker Land, Projektleiter der Tagung | Dr. Claudia Kayser-Kadereit, Universitätsmusikdirektorin (v. l. n. r.)

© Hermann Pentermann

Anpassung und Widerstand in napoleonischer Zeit

Die Grußwortredner hatten nicht zu viel versprochen: Erhebliche neue Erkenntnisse und Impulse sind im Rückblick ebenso zu verzeichnen wie ein intensiver Austausch. Denn „Frankreich in Osnabrück" wurde in 15 Vorträgen umfassend neu beleuchtet. So verwies Gerd van den Heuvel zu Tagungsbeginn auf die Problematik des Begriffs „Franzosenzeit". Dass das Jahr 1807 als Gründungsjahr des Königreichs Westphalen von Napoleons Gnaden – regiert von dessen Bruder Jérôme – eine Zäsur darstellt, blieb unbestritten. Aber auch die vorausgehende französische Besetzung (1803-1805) sowie Revolutionseuphorie und -ängste, Emigrantenschübe oder spätere frankreichfeindliche Deutungsmuster müssen in den Blick rücken, wolle man dieser Epoche gerecht werden.

Bürokratismus und Sprachbarrieren

Zentrale Fragen galten dann unter anderem dem Verhältnis zwischen Anpassung und Widerstand sowie Kontinuität und Brüchen. In den Fokus rückten dabei Themen der effektiven Verwaltung ebenso wie Wirtschaft und Handel oder der Alltag zwischen zwei Sprachen. Auch individuelle Handlungsmöglichkeiten spielten eine Rolle: Während Osnabrücks Bürgermeister („Maire") Heinrich David Stüve seine Revolutionsskepsis in der Familie weitergab, waren er und seine Kollegen von der aufwendigen französischen Bürokratie mitunter überfordert. Und trotz eines breiten Angebots an Lehrbüchern und Sprachmeistern konnten Sprachbarrieren für die „Maires" auf dem platten Land zum Problem werden.

Spannende Archivbestände für die weitere Forschung

Pragmatische Anpassung, innerer Widerstand und Reformwillen ließen sich im Verlauf der Vorträge auf allen gesellschaftlichen Ebenen beobachten. Zwar griffen Reformen und Neuerungen in vielerlei Hinsicht – bei der Gewerbefreiheit und Aufhebung der Zünfte ebenso wie z. B. im Kohlebergbau oder im Vereinswesen. Erinnert wurde auf der Tagung aber auch an das schon im 18. Jahrhundert einsetzende bürgerliche Emanzipationsstreben. Auch und gerade der Blick auf den individuellen oder lokalen Einzelfall erwies sich als lohnend. Dass immer noch zahllose unausgewertete Akten zur französischen Zeit in den Archiven schlummern, wurde am Ende der Tagung als Ermunterung zur weiteren Forschung angemerkt. Zunächst jedoch werden die Ergebnisse dieses Symposiums für die Nachwelt und die weitere Forschung gesichert: Ein Tagungsband, der alle Vorträge zum Nachlesen zur Verfügung stellt, wird in einem Jahr erwartet.

 

 

Charmantes Konzert der Universitätsmusik

Rund wurde die Tagung zudem durch das Begleitprogramm. So stellten die Akteure der Universitätsmusik in ihrem Konzert auf charmante Weise das historisch belegte Musikleben im „französischen" Osnabrück vor und brachten, eingebettet in eine amüsante Spielhandlung, Musik von heute oft kaum bekannten Komponisten wie Méhul oder Romberg vor. Der ausgesprochen hörenswerte und von Spiellust geprägte Abend wurde im Rahmen eines Seminars gemeinsam mit Universitätsmusikdirektorin Dr. Claudia Kayser-Kadereit und Universitätschordirektor Joachim Siegel konzipiert und umgesetzt.Tagung "Frankreich in Osnabrück" | Konzert "donnera un concert jeudi prochain" (c) LVO
„donnera un concert jeudi prochain" – Musik aus Osnabrücks französischer Zeit im Rahmen der Tagung „Frankreich in Osnabrück" unter Leitung von UMD Dr. Claudia Kayser-Kadereit

Foto: LVO

Frankreich und Deutschland heute – Friedensgespräch

Eine ebenso gelungene Erweiterung des Tagungsprogramms stellte das Osnabrücker Friedensgespräch am ersten Tagungsabend unter dem Titel „Die deutsch-französische Beziehung und die Zukunft Europas" dar. Darüber, dass Frankreich und Deutschland als Herzstück Europas gelten können, bestand in der Gesprächsrunde mit Bernd Käsebier (Deutsch-Französische Gesellschaft, Moderation), Prof. György Széll (Universität Osnabrück) und Dr. Claire Demesmay (Deutsch-Französisches Jugendwerk) Einigkeit. Umso wichtiger sei es, zur Überwindung noch immer vorhandener Klischees entspannte neue Anlässe für den Austausch zu schaffen und bei allen Unterschieden Gemeinsamkeiten zu entdecken. „Frankreich in Osnabrück" insgesamt kann in dieser Hinsicht als gelungener Einblick in einen Teilbereich der historischen Fundamente des deutsch-französischen Kennenlernens gewertet werden