Ein Jahr mit Justus Möser - ein regionaler Veranstaltungsreigen zum 300. Geburtstag 2020  
 
Vignette "Ein Jahr mit Justus Möser" (c) Eric SchraderWer wissen möchte, was Mühlen und Moden, Plaggenwirtschaft und Gartenbau, Bienenzucht, Hollandgang und Theater miteinander zu tun haben, erhält im kommenden Jahr eine klare Antwort: Es sind die Schriften und Briefe des Osnabrücker Staatsmanns, Juristen und Publizisten Justus Möser.

Vom 17. Mai bis zum Jahresende 2020 bietet der Landschaftsverband anlässlich des 300. Geburtstags von Justus Möser im ganzen Osnabrücker Land einen bunten Veranstaltungsreigen an.

Zum Auftakt Justus Möser live

Blökende Schafe, Wollefärben, Spinnvorführungen und vieles mehr: Am Tuchmacher Museum Bramsche wird es am Sonntag, 17. Mai 2020 – dem Startdatum für ein vielfältiges Möser-Jahr – bunt hergehen. Ein Herr in Gehrock und Rüschenhemd wird dort herumspazieren und sich vermutlich ebenso befremdet wie amüsiert umschauen: Herr Justus Möser (1720-1794) höchstpersönlich stattet 300 Jahre nach seiner Geburt seiner Heimatregion einen Besuch ab. Mit der Tuchmacherei kennt er sich aus, hat er doch die wirtschaftliche Entwicklung der Bramscher Produktion ganz maßgeblich gefördert. Daher wird zum gleichen Anlass auch eine Ausstellung im Tuchmacher Museum dieses Thema neu beleuchten. Der bunte Tag ist jedoch nur der Anfang eines weit gespannten Veranstaltungsreigens, der bis Ende 2020 im Gebiet von Stadt und Landkreis Osnabrück mit unterschiedlichsten anregenden Themen rund um Justus Möser aufwarten wird.Schauspieler Magnus Heithoff als Justus Möser auf dem Osnabrücker Domhof (c) Gabriele Janz, LVO
Justus Möser wird seiner Heimatregion während des Veranstaltungsreigens gelegentlich Besuche abstatten. Der Münsteraner Schauspieler Magnus Heithoff schlüpft dazu in ein stilechtes Gewand aus dem Fundus des Theaters Osnabrück.

Foto: Gabriele Janz, LVO

Justus Möser – das war noch gleich …?

Doch wer war dieser Justus Möser überhaupt, nach dem noch so manche Straße oder Schule benannt ist? Von Haus aus Jurist und praktizierender ‚Advokat', hat er als Politiker in hohem Maße die Geschicke des Fürstentums Osnabrück mitgelenkt. So hat er Erlasse und Gesetze eingebracht, die finanziellen Lasten nach dem Siebenjährigen Krieg (1756-63) erfolgreich heruntergehandelt und die heimische Wirtschaft gefördert – und dies nicht nur auf dem Feld der Tuchmacherei. Er machte sich Gedanken über Handel, Wanderarbeit, über bäuerliche Arbeitsabläufe oder auch über Bienenzucht, Kanalbau und Leinenproduktion. Und damit ist Justus Möser noch längst nicht umfassend beschrieben –im Gegenteil. Denn gerade für uns heutige Menschen bietet er mit seinem dritten Betätigungsfeld – dem Schreiben und Publizieren – ausgesprochen reizvolle Themen, die mitten in das Denken und den Alltag des 18. Jahrhunderts hineinführen."Justus Möser" vor der Bischöflichen Kanzlei in der Hasestraße in Osnabrück (c) Gabriele Janz
Justus Möser besuchte bereits im Dezember 2019 seinen ehemaligen Arbeitsplatz in der Bischöflichen Kanzlei in der Osnabrücker Hasestraße.
 
Foto: Gabriele Janz, LVO

Schreibender Themengeber und Anreger

Denn Möser gründete – ähnlich wie andere Aufklärer – ein Osnabrücker ‚Intelligenzblatt', das, vergleichbar heutigen Zeitungen oder Blogs, umfassend über Aktuelles aus Verwaltung und Politik informierte und zugleich zu Diskussionen über alltägliche Fragen ermunterte und zugleich Ratschläge erteilte. Der Bogen spannt sich von Fitzebohnen bis Mode, von der Forstwirtschaft bis zum Estrich. Literarisch hat sich Möser zudem durch Beiträge verewigt, in denen er bewusst in Masken schlüpft, um zumeist ironisch zu Fragen von Erziehung, Luxus oder Essensgewohnheiten Stellung zu beziehen, so zum Beispiel als pikierte Hofdame, alter Bauer, Pastor oder eitle junge Frau. Mösers Tochter Jenny gab diese kleinen Schriften schon zu Lebzeiten ihres Vaters in einer Auswahl heraus. Als „Patriotische Phantasien" beeindruckten sie keinen geringeren als Johann Wolfgang von Goethe.Alte Apotheke - Neue Kunst 2015 | Boklage | Gummidrucke
Als Band 6 erschienen 1994 in der Schriftenreihe "Kulturregion Osnabrück" des Landschaftsverbandes Osnabrücker Land ebenfalls "Patriotische Phantasien" - als Katalog zur Ausstellung anlässlich des 200. Todesjahres Justus Mösers. Die Ausstellung wurde im damaligen Museum des Landkreises Osnabrück in Bersenbrück und im damaligen Kulturgeschichtlichen Museum Osnabrück gezeigt.

Copyright: Rasch Verlag Bramsche

Belesen, streng und heiter

Es verwundert also kaum, dass das (bisher publizierte) Gesamtwerk Mösers gut 15 Bände füllt und sein gesondert herausgegebener Briefwechsel dazu noch 800 Seiten. Als Jurist, Syndikus der Ritterschaft, Regierungsrat, Kreditgeber, Schriftsteller und Publizist war er in vielfältigen Bereichen unterwegs und arbeitete, was nicht überrascht, quasi Tag und Nacht. Als Mensch war er verständnisvoll, tolerant, belesen, streng und heiter, oft krank, oft in Kur, doch zumeist zuhause im damals beschaulichen Osnabrück, seiner Geburts- und Heimatstadt. Wie schrieb er noch 1776 an einen Freund: „... wenn Sie wüßten, in wie vielen Küchen ich unter einander kochen muß". Und er wusste genau, dass auch für ihn selbst gelten konnte, was er allgemein so formulierte: „Ein vollkommener Mensch würde unerträglich sein."
Nutzen wir also die Gelegenheit, diesen vielschichtigen und hochaktiven Justus Möser anlässlich seines 300. Geburtstags näher kennenzulernen. Und mit ihm seine Zeit und die heutige Region in all ihrer Vielfalt.Alte Apotheke - Neue Kunst 2015 | Buschmann | Dembinski
Kritisch beäugt Justus Möser (Magnus Heithoff) heute das Geschehen vor der Bischöflichen Kanzlei.

Foto: Gabriele Janz, LVO

Was passiert also 2020?

Natürlich kommt Justus Möser 2020 höchstpersönlich nicht nur nach Bramsche, sondern auch in manch andere Orte, sei es im Gespräch mit seiner Tochter Jenny, sei es als einer, der in Bad Iburg auf den Spuren seiner Jugend wandelt oder auf Hünnefeld (Bad Essen) an einem Picknick teilnimmt. Doch wer weiß schon, dass Justus Möser maßgeblich die Forstwirtschaft seiner Zeit beeinflusst hat? Waldspaziergänge mit Fachleuten laden dazu ein, damalige und heutige Waldwirtschaft unter einem neuen Blickwinkel kennenzulernen. Wanderungen führen zu kaum mehr bekannten Orten einstiger Kohle- und Glasindustrie. Ausstellungen in Stadt und Landkreis zu Möser als Figur des 18. Jahrhunderts, zu Handwerk, Leinen oder Gartenmode eröffnen spannende Blicke auf Justus Möser.Alte Apotheke - Neue Kunst 2015 | Kröger
Jenny Möser, Verehelichte Von Voigts, Scherenschnitt nach einem Original aus dem Nachlass Sprickmann, geschwärztes Papier, undatiert.

Copyright: KMO, SJM: E 392

Mit Hut, Rüschen und Gehrock

Als Möser-Darsteller konnte der in Münster lebende freischaffende Schauspieler Magnus Heithoff gewonnen werden. Ihm kann man bei einzelnen Veranstaltungen im Jahr 2020 an unterschiedlichen Orten begegnen wie beispielsweise in Bad Iburg, auf Schloss Hünnefeld, in Osnabrück oder auch am Grönegaumuseum. Wie bereits bei der Auftaktveranstaltung am Tuchmacher Museum Bramsche wird er interessiert zur Kenntnis nehmen, was sich seit seiner Zeit so alles verändert hat – oder eben auch nicht wie beim Kaffeetrinken, Picknicken oder Spazierengehen.Magnus Heithoff bei der Kostümprobe (c) Gabriele Janz, LVO
Schauspieler Magnus Heithoff bei der ersten Kostümprobe im Theater Osnabrück.

Foto: Gabriele Janz, LVO

Justus Möser zum Nachlesen, Schmecken und Hören

Und Publikationen – sei es ein 2020 erscheinender Roman Jan Deckers, sei es der im gleichen Jahr vorgelegte Tagungsband des Landschaftsverbandes Osnabrücker Land werfen neue Blicke auf den Menschen, Juristen und Publizisten. Und wie ‚schmeckt' Justus Möser? Eine neue Brotkreation wird hierzu ebenso Auskunft geben wie der eine oder andere ‚Möser-Kuchen'. Gemütliche Kaffeerunden und Imkeraktionen,
Vorträge und Lesungen zu vielfältigen Themen wie zum Gentleman, zu Jenny Möser, englischen Gärten, Ackerbau oder auch Kometen runden den bunten Strauß an Veranstaltungen ab.

Das ganze Programm ist ab Mai 2020 unter justus-moeser-2020.de abrufbar, ferner wird ein gedrucktes Programmheft zur Verfügung stehen.

Wir freuen uns auf viele neugierige Besucherinnen und Besucher! Denn „das Leben ist so kurz, daß man auch ein kleines Vergnügen in Ermangelung des großen nicht verschmähen muß" (Justus Möser).

-	Justus Möser, Silhouette, um 1775 (Original nicht bekannt), Nachdruck 1926, Museumsquartier Osnabrück, Inv.nr. SJM 6471
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begeisterten sich besonders intellektuelle Kreise auch in Deutschland für den so genannten "Schattenriss", der seltener als Scherenschnitt entstand, sondern zumeist sorgfältig getuscht wurde. Auch die Silhouette Justus Mösers liegt im Museumsquartier in einem Nachdruck von 1926 vor. Das Original ist allerdings nicht bekannt.

(c) Museumsquartier Osnabrück

Textquelle: wikipedia