Glaubensalltag ganz pragmatisch Miteinander leben? Reformation und Konfession im Fürstbistum Osnabrück 1500-1700  
 
Tagungsband "Hermann Bonnus hätte sich gefreut", vermutete Pastor Dr. Frank Uhlhorn am 3. März in der Osnabrücker Marienkirche bei der Eröffnung der Tagung "Miteinander leben? Reformation und Konfession im Fürstbistum Osnabrück 1500-1700", die der Landschaftsverband Osnabrücker Land vom 3. bis 5. März durchführte.

Kerndatum Mariä Lichtmess 1543

"Wie mögen die Gefühle derer gewesen sein, die dabei waren, als Hermann Bonnus an Mariä Lichtmess 1543 hier in St. Marien das Abendmahl in beiderlei Gestalt, also Brot und Wein, reichte?", fragte Pastor Dr. Frank Uhlhorn fast genau 473 Jahre später.
Uhlhorn nannte in seiner informativen Begrüßung ein Kerndatum der Osnabrücker Reformationsgeschichte, auf das in den folgenden Jahrhunderten eine konfessionelle Durchmischung folgte, die die Tagung aus Sich von Historikern, Kunsthistorikern und Theologen thematisierte. Der reich bebilderte Tagungsband erscheint Anfang März 2017 (s. u.).
"Hermann Bonnus hätte sich gefreut", konstatierte Pastor Dr, Frank Uhlhorn bei der Tagungseröffnung.
Foto: LVO

Überraschend großes Interesse

Aufgrund des überraschend großen Interesses - es hatten sich 200 Personen angemeldet - fand die Tagung in St. Marien selbst statt und nicht im Gemeindehaus. In dieser passenden Umgebung beleuchteten die Referenten und Referentinnen sowohl die Rolle der Konfessionen im weltlichen und kirchlichen Machtgefüge als auch den religiösen Alltag. Die Vorträge erbrachten eine ausgesprochen vielgestaltige Sicht auf die konfessionelle Landschaft im Gebiet des ehemaligen Hochstifts Osnabrück zwischen 1500 und 1700. Wie pragmatisch der konfessionelle Alltag gelebt wurde, kam besonders im Vortrag Pofessor Dr. Gerd Steinwachser (Oldenburg) deutlich zum Ausdruck. Er belegte anschaulich, dass es circa 80 Jahre nach Einführung der Reformation in der Region kaum ein Bewusstsein für die eigene Religionsausübung als "katholisch" oder "protestantisch" gab. Oft wussten nicht einmal die Pfarrer selbst, welcher Konfession sie zugehörten.
In der gut gefüllten Kirche St. Marien am Markt beleuchteten die Referentinnen und Referenten die konfessionelle Landschaft im Hochstift Osnabrück zwischen 1500 und 1700.
Foto: LVO

Renommierter Kirchenhistoriker und akademischer Nachwuchs

In einem öffentlichen Abendvortrag widmete sich der renommierte Tübinger Kirchenhistoriker Professor Dr. Volker Leppin in der fast voll besetzten Marienkirche der Frage, wie es überhaupt zur Vorstellung verschiedener religiöser Wahrheiten kam. Präzise wies Leppin nach, wie der Umgang mit der Frage nach religiöser Wahrheit entscheidende Weichen auf dem Weg hin zur Toleranz stellte. Im Anschluss an den mit großem Beifall bedachten Vortrag empfing Oberbürgermeister Wolfgang Griesert die Tagunsteilnehmer im Friedenssaal des Osnabrücker Rathauses. In seiner Begrüßung betonte er die Aktualität des Themas "Miteinander leben": Erst die Beschäftigung mit dem damaligen Ringen um Frieden, Toleranz und Verständigung mache es möglich, auch für die Gegenwart menschliche Formen des Umgangs zu erlernen.

Dass auch der wissenschaftliche Nachwuchs die Chance erhielt, zu einer ambitionierten Tagung beizutragen, hat beim LVO Tradition, wie auch der Vizepräsident der Universität Osnabrück, Professor Dr. Joachim Härtling, in seinem Grußwort dankend betonte. So hatten diesmal die Bachelor-Absolventinnen Kathleen Burry, Nadshda Domke, Manthana Große Harmann-Hölscher und Karina Landwehr die Glegenheit, in einem gemeinsamen Vortrag über die konfessionelle Erinnerungskultur Osnabrücks zu sprechen. Auch das Plädoyer des Kirchenhistorikers Professor Dr. Martin Jung, Universität Osnabrück, dass die Zeit reif sei, "eine detaillierte Osnabrücker Reformationsgeschichte neue auf den Weg zu bringen", war insbesondere an den forschenden Nachwuchs adressiert.


Der wissenschaftliche Nachwuchs übernahm bei der Tagung einen Vortrag über die konfessionelle Erinnerungskultur Osnabrücks.
Foto: LVO

Ergebnisse der Tagung

Die Ergebnisse der Tagung insgesamt können sich sehen lassen. So wurden viele bisher unbekannte oder ungewohnte Blickwinkel eröffnet und zahlreiche neue Erkenntnisse zu Tage gefördert. Einig waren sich die Tagungsteilnehmer, dass weitergeforscht werden müsse: z. B. zu Haus und Familie im 16. Jahrhundert oder zu den Wechselbeziehungen zwischen der Osnabrücker Reformation und den benachbarten Territorien. Eine eindeutige Antwort auf die Titelfrage "Miteinander leben?" gibt es zwar zurzeit noch nicht. Zumindest aber konnte festgestellt werden, dass konfessionell begründete Konflikte im einstigen Hochstift weitgehend auf friedlichem Weg gelöst wurden.

Grußworte

Landrat Dr. Michael Lübbersmann hatte sich zum Tagungsauftakt für die Übernahme der Schirmherrschaft über das Vorhaben aus Tagung und daran anschließenden Projekten bei Ministerin Dr. Gabriele Heinen-Kljajić bedankt, ferner dankte er allen Kooperationspartnern und Förderern herzlich für die Unterstützung. MWK-Abteilungsleiterin Dr. Annette Schwandner, die in Vertretung der Ministerin angereist war, betonte, dass es sich um eine "wirklich großartige Tagung" mit Themen von landesweiter Bedeutung handle. Schwandner wies zudem auf eine Website des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur hin, die alle landesweiten Aktivitäten zu 500 Jahre Reformation bündle. Landessuperintendentin Dr. Birgit Klostermeier wies in diesem Zusammenhang auf die Osnabrücker Besonderheit "einer Kooperation größerer Ordnung" hin. Sie sei bedeutsam, weil damit eine ökumenisch gemeinsame Beurteilung der Reformation und eine gemeinsame Verantwortung einhergingen. Dies unterstrich auch Klostermeiers Bistums-Kollege, Weihbischof Johannes Wübbe. Er betonte den "Humus" des historischen bikonfessionellen, heute hoch intensiven ökumenischen Miteinanders im Osnabrücker Land.

Klostermeier wertete die Tagung als konsequenten gesamtregionalen Auftakt, um das Wissen um die Bedeutung von Religion zu bereichern, da die Osnabrücker Bikonfessionalität hierzu zahlreiche Stichworte liefere.

Wer nach inhaltsdichten Vorträgen den Kirchenraum von St. Marien auf ganz andere, entspanntere Weise erfahren wollte, hatte hierzu im Rahmen des Konzertes "Johann Sebastian Bach im Spiegel der Moderne" Gelegenheit. Die Musiker des Ensembles Horizonte testeten, im Raum verteilt, mit großer Intensität und zugleich Zartheit die musikalischen Elemente Bach'scher Musik ab. Es entstand ein Spiel mit dem Raum selbst, der so seinerseits wunderbarer Klang wurde. Die Tagung und ihr Ort wurden auf diese Weise mit allen Sinnen erlebbar.


Eindrucksvolle Grußworte: Landrat und LVO-Vizepräsident Dr. Michael Lübbersmann, MWK-Abteilungsleiterin Dr. Annette Schwandner, Landessuperintendentin Dr. Birgit Klostermeier, Weihbischof Johannes Wübbe.
Fotos: LVO

Tagungsband

Auf den Erkenntnissen der Tagung wird eine Wanderausstellung fußen, betonte Dr. Susanne Tauss, Geschäftsführerin des Landschaftsverbandes, am Ende der Tagung.

Darüber hinaus wird der LVO die Beiträge in einem Sammelband, der im März 2017 erscheinen wird, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Folgende Beiträge sind vorgesehen:

Gabriele Heinen-Kljajić,Niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur
Grußwort

Professor Dr. Wolfgang Lücke,Präsident der Universität Osnabrück
Grußwort

Dr. Ludwig von Bar, Erblanddrost, Präsident der Landschaft des ehemaligen Fürstentums Osnabrück
Grußwort

Dr. Birgit Klostermeier, Landessuperintendentin im Sprengel Osnabrück und
Johannes Wübbe, Weihbischof Bistum Osnabrück
Grußwort

Landrat Dr. Michael Lübbersmann, Präsident des Landschaftsverbandes Osnabrücker Land e. V. und
Oberbürgermeister Wolfgang Griesert, Vizepräsident des Landschaftsverbandes Osnabrücker Land e. V.
Grußwort

Volker Leppin
Den anderen aushalten. Bikonfessionalität als Problem in Spätmittelalter und Früher Neuzeit

Karsten Igel
Reform vor der Reformation. Devotio moderna und kirchliche Reformbewegung im Bistum Osnabrück

Martin H. Jung
Gerhard Hecker und die Anfänge der Reformation in Osnabrück

Siegrid Westphal
Konfessionelle Indifferenz oder politische Strategie? Die Osnabrücker Fürstbischöfe in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts

Volker Arnke
Konfession und Politik. Die Dynastiepolitik des Hauses Braunschweig-Lüneburg und das Hochstift Osnabrück 1716–1760

Christian Hoffmann
Konfessioneller Pragmatismus – religiöse Überzeugung – Familienraison. Das Osnabrücker Domkapitel und seine Kanoniker im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung

Olga Weckenbrock
Von Interessen und Pflichten. Der Osnabrücker Adel und das Kirchenpatronat im Reformationszeitalter

Gerd Steinwascher
Konfessioneller Wildwuchs oder Normalität eines religiösen Alltags? Kirchliches Leben auf dem Land im Hochstift Osnabrück in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts

Renate Oldermann
Der Prozess der Konfessionalisierung, seine Folgen für das Stift Börstel sowie weitere Klöster und Stifte im Osnabrücker Land

Monika Fiegert
„… die allerbesten Schulen, beide für Knaben und Maidlein an allen Orten aufzurichten …“ – Luther, die Reformation und das Schulwesen im Hochstift Osnabrück

Herbert Schuckmann
Zwei Konfessionen unter einem Dach: Das Badberger Simultaneum

Klaus Niehr
Geschenkt. Ein Ereignis aus dem Jahre 1662 und seine konfessionsgeschichtliche Bedeutung

Inken Schmidt-Voges
Haus und Haushalt zwischen Gesellschaft, Obrigkeit und Konfession. Forschungsperspektiven auf ein spannungsreiches Feld am Beispiel des frühneuzeitlichen Osnabrück

Hermann Queckenstedt
„Alfantzerey“ oder seligmachendes „Wunder-Werck“? Wallfahrten und Prozessionen im Spannungsfeld konfessioneller Konkurrenz im Hochstift Osnabrück

Sabine Reichert
Für immer und ewig? Eine mittelalterliche Stiftung im konfessionellen Zeitalter

Kathleen Burrey, Nadeshda Domke, Manthana Große-Harmann-Hölscher, Karina Landwehr
Konfessionelle Erinnerungskultur in der Stadt Osnabrück im 18. und 19. Jahrhundert


Der Titelentwurf für den geplanten Tagungsband liegt bereits vor.
Entwurf: Waxmann-Verlag